Zur Feier des 150. Jubiläums der Sozialdemokratie kam hoher Besuch zur Schwabacher SPD: Die stellvertretende Bundesvorsitzende und Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern Manuela Schwesig hielt die Festrede, die aber keineswegs nur historisch und festlich war sondern auch handfest politisch und aktuell.
von Michael Arnold

Von links Stellvertretende Vorsitzende Carola Scherbel, Vorsitzende Helga Schmitt-Bussinger MdL, Stadtrats-Fraktionschef Werner Sittauer, Manuela Schwesig, Juso-Chef und Bezirkstagskandidat Peter Reiß, Schwabachs Sozialreferent und Stadtrechtsrat Knut Engelbrecht, Bundestagsabgeordneter Martin Burkert
Die Vorsitzende der SchwabachSPD, Landtagsabgeordnete Helga Schmitt-Bussinger, konnte neben zahlreichen SPD-Mitgliedern auch Vertreter der Wirtschaft, Gewerkschafter und aus Sozialverbänden begrüßen, sowie Schwabachs CSU-OB Matthias Thürauf und das langjährigste SPD-Mitglied: Georg Gottschalk ist seit 1945 Genosse.
In ihrer Einleitung ging Helga Schmitt-Bussinger ein auf die lange ereignisreiche Geschichte der SPD: Vor 150 Jahren wurde der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein gegründet, aus dem die SPD hervorging. “Wir sind die älteste Partei Deutschlands und mussten niemals unseren Namen ändern”, so die Vorsitzende der Schwabacher SPD.
Vor 100 Jahren starb der langjährige SPD-Vorsitzende August Bebel und Willy Brandt wurde geboren. Vor 80 Jahren stimmte die SPD als einzige Partei gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz und SPD-Chef Otto Wels hielt die letzte freie Rede im Deutschen Reichstag: “Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht!”. Für ihre Überzeugungen wurden in der Folge viele Sozialdemokraten verfolgt und ermordet. Auch der spätere Schwabacher OB Hocheder war im KZ Dachau.
Danach interviewte Carola Scherbel zunächst einige Gäste was sie sich von der SPD wünschen oder was besonders wichtig war in der Geschichte der SPD: Doris Reinecke vom Nürnberger Bündnis für Familie forderte in Bildung zu investieren, das sei die beste Familienpolitik, die am besten von der SPD in der guten Tradition der Nürnberger Sozialdemokratinnen Käte Strobel und Renate Schmidt bald wieder fortgesetzt werden muss. Der Bezirkstagskandidat und Schwabacher Juso-Vorsitzende Peter Reiß sagte man müsse die Jüngeren heute anders ansprechen, sie seien nicht alle politikverdrossen.
Sozialreferent Knut Engelbrecht wünschte sich dass die Städte und Gemeinden von Bund und Land besser finanziell ausgestattet werden und forderte das “Kooperationsverbot” abzuschaffen das es dem Bund verbietet, den Kommunen direkt Geld für deren Aufgaben zu geben.
Martin Burkert, der erst nach dem Ende von Schröders Amtszeit in den Bundestag gewählt wurde, will einige damalige Fehler auch der damaligen SPD-Regierung jetzt korrigieren, im Bereich der Rente, Leiharbeit und Hartz IV. Er wünscht sich außerdem ein “Bayern im Gleichgewicht” und dafür einen Ministerpräsidenten Christian Ude. Hartmut Hetzelein, AWO-Kreisvorsitzender und Ex-Stadtrat wünschte sich “dass die SPD die Wahlen gewinnt damit sie soziale Politik machen kann, denn sie ist von den Parteien am sozialsten”.

“Dich könnten wir in Bayern gut gebrauchen als Steuerfahnderin”, sagte Schmitt-Bussinger zur Diplom-Finanzwirtin Schwesig, denn in Bayern gibt es zu wenige Stellen in der Steuerfahndung und bei der Betriebsprüfung, das kritisiert der Bayerische Rechnungshof und nicht nur wir, so Schwesig. Der Staat darf nicht auf ihm zustehende Einnahmen verzichten, die wir dringend für öffentliche Aufgaben wie Bildung oder Infrastruktur brauchen. “Es ist gerecht wenn Menschen mit Einkommen von mehr als 100.000 Euro brutto im Jahr einen Spitzensteuersatz von 49 % statt derzeit 42 % bezahlen, so Schwesig weiter und so steht es auch im Wahlprogramm der SPD.
Freiheit-Gerechtigkeit-Solidarität, das sind die Grundwerte der SPD bis heute. In 150 Jahren hat die SPD viel erreicht: Gesetzliche Rente, Frauenwahlrecht, Mitbestimmung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, da passieren natürlich auch mal Fehler, die aber korrigiert werden können und müssen.
Schwesig spricht verständlich und klar, nicht wie viele Politiker, keine Satzbausteine sondern eigene Gedanken,
“Unser sozialer Friede und unsere Demokratie sind nicht selbstverständlich”, so Schwesig. Im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern erlebt sie mit der NPD täglich die neuen Nazis. “Unsere Demokratie darf nicht zulassen dass wir mit Steuergeldern die bezahlen die unsere Demokratie abschaffen wollen”. Deshalb fordert sie ein NPD-Verbot, auch wenn dadurch natürlich nicht deren Denken verschwindet.
Auch der Frieden in (Mittel-)Europa den wir seit fast 70 Jahren haben ist nicht selbstverständlich. Deshalb gebiete es die europäische Solidarität den in Not geratenen Südeuropäern zu helfen, wie vorher den Osteuropäern und den Ostdeutschen.
Nur die SPD bringt soziale Gerechtigkeit, wirtschaftliche Stärke und ökologische Vernunft zusammen, so die Ministerin weiter. 330.000 Vollzeitbeschäftigte müssen derzeit “aufstocken”, also zusätzlich zu ihrem Arbeitslohn Hartz IV beantragen. “Das darf nicht sein! Deshalb brauchen wir den Mindestlohn von 8,50 Euro. Das was die FDP jetzt will ist viel zu niedrig, denn in vielen Branchen gibt es Tariflöhne die zum Teil deutlich darunter liegen, 2,5 Millionen Menschen verdienen weniger als 6 Euro pro Stunde. Davon kann man nicht leben”, davon ist Schwesig überzeugt.
Auch bei der Rente arbeitet die Bundesregierung mit Mogelpackungen: Die von Arbeitsministerin von der Leyen angekündigte “Lebensleistungsanerkennungsrente” liege nur 10-20 Euro über dem Hartz IV -Satz, so Schwesig weiter. Deshalb will die SPD eine Solidarrente mit 850 Euro als Untergrenze.
Bei der Familienpolitik dürfe man nicht nur über Kinder reden, sondern auch über die Pflege älterer Angehöriger. Ebenso müssten Familienleistungen wie Kindergeld und Kinderfreibetrag auf den Prüfstand. “Wer sehr viel verdient, erhält wegen dem Freibetrag mehr als Durchschnittsverdiener, während die Empfänger von staatlichen Leistungen gar nichts vom Kindergeld haben weil es angerechnet wird. Das müssen wir ändern”, fordert Manuela Schwesig weiter,
“Nur wenn es genügend Kita-Plätze auch für unter 3-jährige gibt haben die Familien wirkliche Wahlfreiheit, denn wenn beide Eltern arbeiten gehen (müssen) gibt es meistens keine Wahlfreiheit NICHT arbeiten zu gehen”, stellte die leidenschaftliche Sozialpolitikerin heraus. Vom Betreuungsgeld würden deshalb nur die profitieren, wo ein Elternteil sowieso nicht arbeiten geht.
Nach einer ausführlichen Fragerunde stand die sympathische SPD-Spitzenfrau aus dem Norden noch zu Gesprächen in lockerer Atmosphäre bereit.
