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Bildung in der Falle?

ALTERNATIVTEXT

Das deutsche Bildungssystem mit seinen Haken und Ösen kennt sie aus dem Effeff. Franziska Drohsel, Bundesvorsitzende der Jusos, ist gerade mal 29 Jahre jung und hat soeben ihre Doktorarbeit in der Jurisprudenz hinter sich gebracht. Dass in der Bildung nicht alles rund und optimal für Studierende, Auszubildende und Schüler läuft, sagt die seit 15 Jahren politisch aktive Berlinerin immer wieder laut und deutlich. Zu einer Diskussion darüber ist sie extra nach Schwabach gekommen: Im Lichtspielhaus diskutierte die Jusovorsitzende ebenso engagiert wie sachlich mit Betroffenen und jungen Leuten aller Couleur.

Die Musik von Travellin’ Jack zum anschließenden Gratis-Konzert war noch nicht angespielt, aber die Tonlage stand von Anfang an fest: In der eineinhalbstündigen Diskussion mit Franziska Drohsel herrschte neben den Boxen und Verstärkern immer ein sachlicher, überzeugter und überzeugender Ton, auch oder weil die Zahl der bildungspolitisch Interessierten relativ übersichtlich blieb.

Rhetorisch und sprachlich flott, aber stets geerdet an die Basis machte die natürliche und sympathische Berlinerin gleich die (Stand-)Punkte klar, die Thema im Bildungsstreik sind und zu den Forderungen der Jusos gehören. Zum Beispiel die nach selbstbestimmtem, kritischen Denken, also „einfach mal querdenken können“. Das werde heute in den Hintergrund gedrängt – zugunsten einer schnelleren, kürzeren, effektiveren Ausbildung. Bildung sei nach wie vor eine soziale Frage, denn der Bildungsabschluss entscheide mit über Geld und sozialen Status. Aber nicht alle haben die gleichen Chancen, und dass der Geldbeutel der Eltern darüber mit bestimmt, „das ist einfach nicht akzeptabel“.

Los geht’s bei der frühkindlichen Bildung, und „da liegt viel im Argen“. Beim Beispiel kostenfreie Kindertagesstätten nahm Drohsel kein Blatt vor den Mund: „Da ist Bayern sehr rückständig.“ Das Lernen der deutschen Sprache, „damit man später eine Bewerbung schreiben kann“, falle ja nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund schwer. Drohsel: „Das ist doch ein Versagen des Bildungssystems.“

Auch die dreigliedrige Schule, in Bayern erklärtermaßen politisch gewollt und festgezurrt, dient laut Drohsel eher der Zementierung als dem Aufheben von Unterschieden. Die Ganztagsschulbetreuung mit Angeboten in Sport, Kultur und Musik sei unabdingbar, de r verdichtete Leistungsdruck müsse entzerrt werden, und als junger Mensch „muss man einfach mal leben können.“

„Jeden Herbst stehen etliche junge Leute ohne Ausbildungsplatz auf der Straße“, schimpfte die Politikerin, die deshalb seit Jahren eine Ausbildungsplatzabgabe fordert und Standards für die Qualität der beruflichen Ausbildung sowie eine Übernahmegarantie verlangt.

Für die Studenten fordert sie mit den Jusos ein „Recht auf den Master“, die Studiengebühren bedeuten eine weitere Fessel für die Studenten, die es im komplett verschulten Bologna-System „gar nicht mehr schaffen, nebenher zu arbeiten.“

„Im Stich gelassen“ fühlen sich auch die Betroffenen, wie der Schwabacher Juso-Vorsitzende und Diskussionsleiter Peter Reis in kurzen Statements bei einem Schüler, einem Azubi und einer Studentin abfragte. Gymnasiast Rolf Kaltenecker aus dem letzten G9-Jahrgang kritisiert die Jahrgangsdoppelung mit den folgenden G8-Schülern. „Uns wird zwar jetzt ständig geholfen, damit wir ja nicht durchfallen. Nach dem Abi fangen viele Studiengänge trotzdem erst im Herbstsemester an, also stehen wir gleichzeitig mit den G8-lern vor der Uni Schlange.“

Für Patrick Kühnlein, der in Nürnberg eine Ausbildung als Fachkraft für Lebensmitteltechnik absolviert, stellt sich die Situation genau so dar, wie Franziska Drohsel sie schildert: Zu wenig Plätze, Probleme bei der Übernahme, „und viele Betriebe missbrauchen die Azubis für andere Arbeiten.“

Bei der Finanzierung und bei der Mitbestimmung sieht Studentin Christine Schlebach, die Grundschullehrerin werden will, die größten Probleme für die Studierenden und kritisiert, dass der Freistaat Bayern den Bildungshaushalt erst gekürzt habe und zwei Jahre später die Studiengebühren eingeführt und zum Stopfen des Loches benutzt, „sie aber als Verbesserung verkauft hat“.

Dass die öffentliche Hand die künftigen Bachelor-Absolventen nicht als Akademiker, sondern nur im gehobenen Dienst einstellen will, wurde aus dem Publikum bestätigt. Schlebach: „Da fragt man sich doch, wer hat sich so was ausgedacht?“

Weiteres Thema: das Verdrängen von Förder- und Hauptschülern auf dem Ausbildungsmarkt. Dazu aber berichtete ein selbständiger Handwerksmeister, wie schwer es ist, im Handwerk Lehrlinge zu bekommen. Die Ausbildungsplatzabgabe, die Drohsel vehement fordert („ich habe bisher keinen besseren Vorschlag gehört“), stößt dagegen bei den jungen Liberalen auf strikte Ablehnung. Kein Zwang, sondern Wettbewerb, forderte ein „JuLi“ im Publikum nachdrücklich als Prämisse für das Bildungssystem. „Dieser Wettbewerb entscheidet sich aber zwischen unterschiedlichen Chancen“, konterte die Jugendarbeiterin Doris Reinecke.

Wieviel Prozent des Bruttoinlandsprodukts sollte in Bildung investiert werden?, fragte ein Zuhörer provokativ und forderte, „dass wir uns lösen von dem Standpunkt, Bildung ist zu kostspielig.“ Dass der Staat mehr in die Bildung investieren muss, verlangte auch Saskia Stadelmeyer von den Schwabacher Jusos, die Klassen müssen kleiner werden, und „das dreigliedrige Schulsystem muss aufgebrochen werden“, forderte SPD-Vorsitzende Helga Schmitt-Bussinger.

Die Themen gingen den jungen Leuten nicht aus, wohl aber die Zeit, die der Juso-Vorsitzenden blieb bis zu ihrer Abfahrt vom Schwabacher Bahnhof. So konnte es nach eineinhalb sachlichen Stunden noch mal richtig emotional werden: Für echtes Feeling und entsprechende Lautstärke sorgten dann die Jungs von Travellin’ Jack.

Text/Foto: car

 

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